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Ostpreußische Remonten- ihnen ging stets ein guter Ruf voraus

Schon in frühgeschichtlicher Zeit wussten die Menschen die Pferde für ihre kriegerischen Auseinandersetzungen zu nutzen. Denken wir nur an den Einsatz der römischen Kampfwagen oder später die verheerenden Feldzüge solcher Reitervölker wie Mongolen oder Kosaken. Der kämpferische Vorteil mit Pferd und Wagen oder als Reiter auf wendigen Pferden lag in der hohen Mobilität, der Schnelligkeit und Durchschlagskraft. 

Aus diesen Erfahrungen entwickelte sich neben der Infanterie die Kavallerie, wobei es sich um berittene Truppenteile handelte, auf die im Kriegseinsatz entsprechend ihrer jeweiligen Bewaffnung besondere Aufgaben zukamen. Die Nationalstaaten Europas waren darauf bedacht, Vorkehrungen für die innere und äußere Sicherheit zu treffen. Insofern spielte das Militärwesen gerade im Hinblick auf die Möglichkeit der Verteidigung im Kriegsfall bereits im 17. Jahrhundert und dann auch späterhin eine große Rolle.

Die Reiterei im Dienste des Staates

Bereits zu Zeiten Friedrich II. (1740-1786) diente die Reiterei in Preußen ausschließlich militärischen Zwecken, wenn mal von der damals bereits üblichen Schulreiterei an Adelshöfen abgesehen wird. Die Dimension der militärischen Reiterei war immens. Bei Regierungsantritt Friedrich II. umfasste die Friedensstärke der preußischen Armee ca. hunderttausend Mann. Später im Krieg wurde diese Armeestärke sogar verdoppelt. Die Kavallerie auf Friedensstärke bestand aus etwa 25.000 Kavalleristen und einer entsprechenden Anzahl an Pferden.


 Friedrich der Große mit seinem Lieblingspferd Condé; Radierung Daniel Chodowiecki

In der preußischen Kavallerie gab es die Kürassiere, die Dragoner, später auch die Ulanen und die Husaren. Die jeweilige Regimentsstärke war unterschiedlich. Ein Husarenregiment zählte 1.172 Reiter, während einem Dragoner- bzw. Kürassierregiment knapp 850 Reiter angehörten. Wiederum bestand ein Regiment aus fünf Eskadrons mit 150 Pferden. Jede Eskadron wurde befehligt von einem Rittmeister oder Major. Die Husaren bildeten die Leichte Kavallerie. Sie dienten vor allem der feindlichen Aufklärung und überfallartigen Attacken. Sie waren mit einem Säbel, zwei Pistolen und einem kurzläufigen Karabiner bewaffnet. Die Kürassiere - ursprünglich mit einem eisernen Brustpanzer ausgestattet - und die Dragoner griffen den Feind mit eingelegter Lanze und einem Säbel frontal in geschlossener Formation an. Der größte Teil der jungen Soldatenpferde, der sog. Remonten, wurden zu jener Zeit noch aus Polen, Ungarn, Rumänien und der Ukraine rekrutiert. Das Preußische Hauptgestüt Trakehnen befand sich noch in der Aufbauphase. Dessen Hauptaufgabe bestand damals noch darin, den Marstall in Berlin mit schnellen und schicken Pferden, zumeist Rappen, zu versorgen. Es ist überliefert, dass der spätere Reitergeneral und große Reformator der Kavallerie, Friedrich Wilhelm v. Seydlitz, und der legendäre Chef der Leibhusaren, Generalmajor v. Ziethen, wert darauflegten, Trakehner Pferde zu reiten. Schon bald stellte sich heraus, dass die umfangreichen Ankäufe von Remonten im Ausland die Staatskasse zu sehr belasteten. Nun ging es darum, den Nachwuchs für die preußische Kavallerie im eigenen Land zu züchten. So wurden in den Jahren 1787 bis 1789 einige Marställe (Hengstdepots) in Ostpreußen gegründet, denen folgten schon bald einige Landgestüte.


Typische ostpreußische Heeresremonte nach einem Gemälde von Emil  Volkers mit dem Brandzeichen  der ehemaligen Landgestüte , Insterburg, Rastenburg und Gudwallen
Quelle: H. J. Köhler: Tempelhüter, Reich Verlag AG , Luzern 1975, S.25

Zur Zeit Napoleons war Friedrich Carl v. Below 1789-1814 Landstallmeister vom Hauptgestüt Trakehnen und Litauen. Ihm waren darüber hinaus auch die Hengstdepots in Ragnit, Insterburg und Oletzko unterstellt mit einem Gesamtbestand von 260 Landbeschälern. Entsprechend nahm auch der Stutenbestand auf den landwirtschaftlichen Gütern und in bäuerlicher Hand sehr stark zu. Ebenfalls stieg die Zahl der Bedeckungen, so dass sich in der Folgezeit die Pferdezucht in Ostpreußen zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor entwickeln konnte. Leider hielt dieser Aufschwung nicht lange an. Ostpreußen kam in äußerste Bedrängnis, nachdem Napoleon 1806 das alte Preußen in der Schlacht bei Jena und Auerstedt zerschlagen hatte Das Hauptgestüt Neustadt/Dosse war in die Hände des Feindes gefallen und nahezu gänzlich zerstört worden. Im Dezember desselben Jahres musste Trakehnen geräumt werden. v. Below zog sich mit seinen Gestütspferden über die Memel zurück und ging bis weit nach Russland hinein. Erst im August 1807 kehrten Menschen und Pferde wieder in ihre Heimat zurück. Die zurückgelassenen Pferde waren zur Kriegsbeute der Franzosen geworden. Das wirtschaftliche Umfeld veränderte sich zu Ungunsten des Hauptgestüts. Preußen war verarmt. Preußen hatte während der Kriege von 1806 bis 1814 etwa 90.000 Pferde verloren, die Stutenbestände waren entsprechend stark ausgedünnt.

Friedrich v. Burgsdorff – der große Reformator

Wie ein Geschenk des Himmels tauchte ein neues Talent auf, der später so berühmte Landstallmeister Friedrich v. Burgsdorff. Bevor er 1808 noch unter der Regie v. Belows mit der Leitung Trakehnens betraut wurde, hatte er den preußischen König als Reisestallmeister begleitet. In Trakehnen begann für ihn eine lange verantwortungs- und verdienstvolle Karriere. v. Burgsdorff (Amtszeit 1814-1843) war nicht nur ein leidenschaftlicher Hippologe, sondern auch mit der Gründung des Landwirtschaftlichen Zentralvereins Insterburg offenbarte er seine Liebe zur Landwirtschaft.


Landstallmeister  Friedrich v. Burgsdorff (1814- 1843)
Quelle: Heling, Martin: Trakehnen , Bayerischer Landwirtschaftsverlag, München, 1959, S.51

Zu seiner Amtszeit entstanden mehr als 100 größere Privatgestüte, die in Arbeitsteilung mit den bäuerlichen Züchtern die Absatzfohlen für den wieder steigenden Remontebedarf aufzogen. Auf seine Initiative hin wurden in Ostpreußen aus pachtfrei gewordenen Staatsdomänen 5 Remontedepots eingerichtet, deren Direktor er wurde. Hier wurden bis zu 3.000 dreijährig angekaufte Remonten in einjähriger Arbeit auf ihren Militärdienst vorbereitet. 1817 ließ er eine eigens für den Kauf von Remonten aufgestellte Remontekommission die Auswahl für die dreijährigen Pferde treffen, welche dann für ein Jahr zur Ausbildung in sogenannten Remontedepots untergebracht wurden, bis sie der Truppe überwiesen werden konnten oder ausgemustert wurden. Pferdezucht und Landwirtschaft nahmen dank seines großen Engagements einen breiten Aufschwung. Ab 1831 wurde kein Armeepferd mehr in Ausland gekauft. v. Burgsdorff wurde in der ganzen Provinz wie ein Landesvater verehrt. Er hatte sich im wahrsten Sinne des Wortes um sein Ostpreußen verdient gemacht. Überall im Land fanden weit über 200 Remontemärkte statt, wobei auch private Remontemärkte in jener Zeit immer häufiger auf den großen Gütern direkt abgehalten wurden. Ostpreußen, sowie Posen und Westpreußen waren nun laut Bestimmung der Kommission zur Förderung der Pferdezucht in Preußen zuständig dafür, die Remonten der leichten Kavallerie zu stellen, während Hannover und Holstein ihre kräftigeren Jungpferde für die Artillerie und die Schwere Kavallerie lieferten.

Neue Impulse durch Arabisches und Englisches Vollblut

Dem englischen Herzog von Wellington war es nur durch den gezielten Einsatz der leichten Kavallerie mit den schnellen und wendigen Englischen Vollblütern gelungen, in der Schlacht von Waterloo 1815 den Widerstand Napoleons zu brechen und ihn zu besiegen. Dabei fand er die entscheidende Unterstützung durch den deutschen General Blücher. Fortan wollte man auch auf dem Kontinent den Typ Pferd züchten, wie man ihn bei den Englischen Dragonern, den “Schnellläufern“, erlebt hatte Es sollten nicht mehr “Schaupferde“ gezüchtet werden, sondern Pferde mit großer Leistungsbereitschaft und Schnelligkeit. Der entscheidende Aufbau der ostpreußischen Pferdezucht hat dann erst nach Waterloo eingesetzt, als in größerem Ausmaß Englische Vollbluthengste und Vatertiere mit orientalischer Blutführung in Trakehnen Verwendung fanden. Man lernte nach Leistung zu züchten. Der Erfolg war frappierend. In den Feldzügen 1866 und 1870/71 erwiesen sich die ostpreußischen Pferde den anderen Rassen überlegen und galten rasch als die besten Militärpferde und ihr guter Ruf sorgte dafür, dass die Remonten stets genügend Kaufinteressenten fanden Polen allein kaufte im Jahr 1828 1.500 Pferde in Ostpreußen, später sogar 2.000. Mitte des 19. Jahrhunderts verkauften die kleineren Züchter ihre Fohlen bereits im Absetzeralter an die Großgrundbesitzer, denn einerseits waren diese Verkäufe eine gute Einnahmequelle und andererseits verfügten die Großbetriebe über bessere Aufzuchtmöglichkeiten der Jungtiere. Auf den großen Gütern entstanden die großen und geräumigen Ställe für die einzelnen Fohlenjahrgänge. Anfang des 19. Jahrhunderts gab es allein 120 Privatgestüte, die in der Lage waren, jeweils jährlich ca. 30 bis 50 Remonten anzubieten, So seien einige der renommierte Zuchtstätten mit heute noch bleibendem Klang für die Nachwelt genannt, wie Weedern, Puspern, Schlobitten - Prökelwitz, Perrkallen, Groß Wohnsdorf, Juditten, Steinort, Puspern, Samonienen u.a.. Ostpreußen galt schon bald als die “Remontenprovinz“  

Die Remontekommission traf eine strenge Auswahl  

Für einen solchen Gutsbetrieb war der „Remontetag“, der in den Monaten März bis Juni stattfand, immer ein besonderes Ereignis. Er brachte nicht nur Abwechslung auf dem Betrieb, sondern vor allem durch die Abnahme einer großen Zahl von jungen Pferden durch die Remontekommission wurde ein maßgeblicher Beitrag zum wirtschaftlichen Erfolg des Betriebes erwartet. Letztlich lag darin auch ein großes Stück züchterischer Anerkennung. Nachdem die Remonteanwärter zwei Tage vorher von der Weide in die Stallungen gebracht worden waren, wurden sie besonders reichhaltig gefüttert, getränkt und jedes Pferd wurde von den Pferdepflegern besonders herausgeputzt. Schweif und Mähne wurden frisiert. Die Ställe und der Gutshof wurden säuberlich gefegt.

Sammlung junger ostpreußischer Remonten während der Musterung.
Quelle: Rohde, Wolfgang u. Wiemer, Daniela: Samonienen/ Tollmingkehmen- Über die bäuerliche Zucht des Warmbluts Trakehner Abstammung, 1. Auflage 2011
Remontekommission waltet ihres Amtes, hier in Samonienen/Tolkimkehnen.
Quelle: Rohde, Wolfgang u. Wiemer, Daniela: Samonienen/ Tollmingkehmen- Über die bäuerliche Zucht des Warmbluts Trakehner Abstammung, 1. Auflage 2011

Auch das äußere Erscheinungsbild, das zweifellos auch stets Rückschlüsse zulässt, sollte stimmen, wenn die Remontekommission erschien. Diese bestand aus mehreren Personen, einem Stabsoffizier, zwei Leutnants, einem Stabsveterinär sowie dem Zahlmeister. Hohe Fachkompetenz als “Pferdekenner“ wurde ihnen immer wieder bestätigt. Entsprechend anspruchsvoll waren auch die Anforderungen. Dem Militärtierarzt oblag der Gesundheits- Check. Er beurteilte Augen und Gebiss, schaute kritisch auf die Hufe und das Fundament sowie den Gang eines jeden Pferdes, das an der Trense vorgestellt und anschließend im Schritt und Trab vorgeführt wurde. Erwünscht waren eine Größe zwischen 1,56 und 1,65 m, gesunde Beine und Hufe, regelmäßiger und schwungvoller Gang, tragfähiger Rücken, tiefe und schräge Schulter, ausgeprägter Widerrist, breite Brust und starke Kruppe sowie kurzes Röhrbein und starke Sprunggelenke und weder zu weiche noch zu steile Fesselung. Es wurde davon ausgegangen, dass die Remonteanwärter noch ca. vier Zentimeter wachsen. Grund für eine Ablehnung waren vor allem offensichtliche gesundheitliche Mängel und deutliche Abweichungen von den geschilderten Kriterien, wie z. B. schwankender, gespannter Gang, schmaler und hochbeiger Körper, weiche Rückenpartie, Hasenhacke und zu stark gewinkeltes Hinterbein. Schimmel waren wegen ihrer Auffälligkeit nicht gefragt. Im Jahr 1909 betrug der Durchschnittspreis für eine ostpreußische Remonte1.065 Mark. Die Ankaufsquote lag bei durchschnittlich 60%.  

Aufstieg von der Remonte zum Kavalleriepferd

Zunächst wurde der so ausgewählte Nachwuchs für das preußische Militär in die einzelnen Remontedepots verbracht. In Ostpreußen gab es davon allein Acht, so z. B. in Neuhof- Ragnit (Kreis Ragnit), Kattenau (Kreis Stallupönen), Preußisch Mark (Kreis Mohrungen), Sperling (Kreis Angerburg) oder Lisken (Kreis Friedland). Dort, wo die Remonten jeweils in Gruppen von 20 Pferden in einem Stall untergebracht waren, ging es darum, ihre körperliche Entwicklung durch gleichmäßige und gute Fütterung, geregelten Weidegang und täglichen Auslauf – dafür gab es spezielle Bewegungsbahnen- zu fördern. Die Remontedepots mit ihren großen Wiesen- und Weideflächen boten dafür beste Voraussetzungen. Bei gleichzeitiger gesundheitlicher Überwachung wurde die große Zahl der Schützlinge so in ihrer Konstitution abgehärtet und gestärkt, dass sie nach einem Jahr ein einheitliches und ansehnliches Bild abgaben.


Kavallerie- Einheit  der Reichswehr auf dem Ausritt zu einem Manöver. Quelle: Bundesarchiv

So dann wurden sie ohne weitere Schulung zur speziellen Ausbildung an die jeweiligen Truppenteile überstellt. Dort wurden sie als “junge Remonten“ vorsichtig eingeritten, bzw. eingefahren. Dies begann mit Longieren, dem Gewöhnen an das Gewicht des Reiters und dem Geradeausreiten sowie Zirkelreiten in allen drei Grundgangarten. Es folgte ein weiteres Jahr als “alte Remonten“ mit der eigentlichen Ausbildung. Diese erfolgte streng gemäß Reitvorschrift für die deutsche Kavallerie, der sog. Heeresdienstvorschrift von 1912, die als H.Dv.12 bekannt ist. Sie wurde damals durch kaiserliche Kabinettsorder in Kraft gesetzt. Eine derartig verbindliche Reitinstruktion, die dauerhaft in den Bestand der reiterlichen Fachliteratur eingegangen ist, gab es in anderen europäischen Staaten nicht. In der militärischen Reiterei ging es ehemals um den optimalen Einsatz von Reiter und Pferd im Gelände. Dies setzte die sichere Beherrschung des Pferdes durch den Reiter voraus und erforderte vom Pferd Gehorsam, Rittigkeit, Gewandtheit und Ausdauer. Da das “richtige Reiten“ nicht immer wieder neu erfunden werden muss, konnte die heutige Reiterliche Vereinigung (FN) in ihre Richtlinien über die moderne Pferdeausbildung eine Vielzahl der Ausbildungsregeln aus jener H.Dv.12 übernehmen. Erst mit sechs bis sieben Jahren traten sie als Truppenpferde dann in den eigentlichen militärischen Dienst ein. An dem Reiterstandort Hannover hatte die Kavallerieschule (KS) die Aufgabe, an der alten Tradition des Militärreitinstituts (M.R.I.) anzuknüpfen und die jungen Offiziersanwärter so ausbilden, dass sie nicht nur ihr Pferd in Vollendung reiten konnten, sondern auch zu “einem abgestimmten Dreiklang von Reitkunst, Charakter und Geist“ gelangten. Nach ihrer Rückkehr zu ihren alten Truppenteilen sollten die im Umgang mit dem Pferd bestens geschulten Offiziere das in Hannover Erlernte weiterverbreiten.    

Der Remontenankauf nahm einen wechselvollen Verlauf

Während es noch um die Jahrhundertwende 110 Kavallerieregimenter gab, waren nach dem 1. Weltkrieg Infolge des verlorenen Krieges und des Diktats der Siegermächte. nur noch 18 verblieben. Entsprechend stark schwankte auch die Zahl der angekauften Remonten. Waren es noch vor Kriegsbeginn bis zu 7.000 jährlich so waren es Anfang der 20er Jahre nur noch davon ein Drittel. Hinzu kam, dass mit der zunehmenden Reichweite der Feuerwaffen und der Verbreitung von Schnellfeuergewehren die Attacken großer Kavallerieverbände immer aussichtsloser geworden waren. Der Reiterkampf zu Pferde beschränkte sich mehr und mehr auf Ausnahmefälle. Auch die Motorisierung des Kriegsgeschehens hatte immer mehr zugenommen. Bereits im 1. Weltkrieg kämpften daher die Kavalleristen meist nicht mehr zu Pferd, sondern infanteristisch, da der Stellungskrieg mit seinen großangelegten Stacheldrahthindernissen einen berittenen Einsatz faktisch unmöglich machte. An anderen Fronten blieb die feindliche Aufklärung und Verfolgung des Feindes weiterhin eine wesentliche Aufgabe der leichten Kavallerie. Begleitet wurde dieser Prozess dadurch, dass die verbliebenen Kavalleriepferde immer schneller wendiger und leistungsfähiger werden sollten Diese Forderung richtete sich immer stärker an die Provinz Ostpreußen.


Dreijährige Hengste vor dem Boxenstall in Trakehnen Quelle: Ostpreußen- Archiv

Der verlorene Krieg hatte für das Agrar- und Pferdeland Ostpreußen gravierende wirtschaftliche Schäden mit sich gebracht. Die Provinz Ostpreußen hatte 50% seines Pferdebestands verloren. Das Hauptgestüt Trakehnen musste zweimal evakuiert werden. Gegen Kriegsende war der Bedarf an Heeresremonten drastisch gesunken. Später gab es nur noch das Hunderttausend-Mann-Heer. Mit seiner nur geringen Remonteabnahme war das Militär nicht mehr das wirtschaftliche Rückgrat der Ostpreußischen Edelpferdezucht. Zu Schleuderpreisen wurden viele wertvolle Zuchtstuten und Remonten nach Osteuropa und vor allem nach Russland verkauft. Das Zuchtziel ausgerichtet auf das leichte Kavalleriepferd war passé.

Erneute Blüte der ostpreußischen Pferdezucht und kriegsbedingter Niedergang

Das Ruder musste herumgeworfen werden. Verlangt wurde ein großrahmigeres, gut bemuskeltes und mit einem stärkeren Fundament ausgestattetes vielseitig verwendbares edles Warmblutpferd, das nicht nur aufgrund seiner guten Rittigkeit für den Reitsport und weiterhin für Militärdienst begehrt blieb, sondern auch in der Landwirtschaft verlässlich Gespannarbeit leisten konnte. Andererseits war durch den allgemeinen Aufschwung des Turniersports, getragen von Privatleuten und ehemaligen Offizieren, und das Aufblühen der ländlichen Reiterei die Nachfrage nach Sport- und Turnierpferden deutlich gestiegen. Landstallmeister Dr. Ehlert konnte ab 1931 die erfolgreiche züchterische Arbeit seines Vorgängers Siegfried Graf v. Lehndorff konsequent fortsetzen. Die vorhandenen Hauptbeschäler Dampfross, Ararad, Pilger, Poseidon wurden stark herangezogen. Neu eingestellt wurden u.a. Kupferhammer, Hyperion und Pythagoras, Tyrann, Hirtensang sowie der herrliche Cancara. Das Hauptgestüt Trakehnen hatte wiederum eine große Herausforderung unter konsequenter Wahrung des Reinzuchtprinzips glanzvoll gemeistert. Vorausgegangen war die Einführung der systematischen Hengstleistungsprüfung für Junghengste. Zusätzlichen Auftrieb für die Ostpreußische Reitpferdzucht brachten die großartigen Erfolge ostpreußischer Pferde anlässlich der Olympiade in Berlin 1936. Mit der allgemeinen Aufrüstung während des “Dritten Reiches“ wurden auch die Kavallerie- Verbände erneut aufgestockt. Man wollte trotz der bitteren Erfahrungen aus dem 1. Weltkrieg im Falle eines Krieges nicht auf deren Einsatz gänzlich verzichten. Berittene und vor allem bespannte Truppenteile sollten ein schnelleres Vordringen in unwegsamen Gelände der Weiten der Ostfront ermöglichen. Damit waren ostpreußische Pferde für berittene Infanteristen und für die ihre Mannschaften begleitende höhere Offiziere sehr begehrt.

  
Remonten während der Ausbildung, Quelle: Bundesarchiv  Ostpreußische Remonten in der Erprobung im Gelände, Quelle: Bundesarchiv

 Bereits im Jahr 1937 stellte Ostpreußen wieder etwas mehr als 4.000 Remonten zur Verfügung, deren Zahl sich in der Folgezeit noch einmal drastisch erhöhte. Doch schon bald entwickelte sich der schreckliche Krieg nicht nur für die Menschen, sondern auch für Kreatur Pferd zu einer entsetzlichen Tragödie. Unzählige Pferde starben im Kugelhagel, sie verloren aber auch ihr Leben durch Erschöpfung, Kälte, Hunger und Krankheiten. Allein in der Schlacht um Stalingrad kamen über 50.000 Pferde, zumeist Gespannpferde, zu Tode. Wäre am 20. Juli 1944 das Attentat auf den “Führer“ gelungen, dann wäre sicherlich eines der letzten Reiterregimenter unter Philipp v. Boeselager, der zu dem engsten Kreis der Widerstandsgruppe um Henning v. Tresckow gehörte, ruhmreich in die Geschichte eingegangen. Zu jener Zeit befand sich v. Boeselager mit seinem Reiterregiment an der Ostfront in der Nähe von Brest Litowsk. Mit dessen Mannschaft sollte er im Verlauf des geplanten Attentats nach Berlin verlegt werden, um die Zentrale der SS in der Prinz-Albrecht-Straße und das Propagandaministerium zu besetzen und auszuschalten. Mit der ersten Schwadron machte er sich bereits am 18.07. in einem Gewaltritt auf den Weg gen Westen, um Warschau zu erreichen und von dort mit dem Flugzeug nach Berlin zu gelangen. Doch kurz vor dem Flughafen erreichte ihn die Nachricht seines Bruders Georg v. Boeselager mit dem Befehl „Alles in die Alten Löcher“. Das war das Deckwort für “Attentat ist gescheitert“. Es muss den Offizieren schon merkwürdig vorgekommen sein - erst ritt man in einem Höllentempo Richtung Westen, dann machte man plötzlich kehrt und stürmte zurück. v. Boeselager kam mit seiner Schwadron unerkannt an die Front zurück. Die Freunde schwiegen.


Offiziere des 3. Reiterregiments im Sommer 1944
v.l.n.r. O Arzt Dr. Watinger, Leutnant v. Seckendorf, Oberleutnant Kortman, Oberleutnant Schulte, Oberstleutnant Georg v. Boeselager, Leutnant Capellmann, Major Philipp v. Boeselager, Major Brinkmann, Leutnant v. Schmettow, Rittmeister König, Rittmeister Köhler, Leutnant Thiedemann, Leutnant v. Buddenbrok
Quelle: Richter, Claus Christian: Die Geschichte der deutschen Kavallerie  1919-1945, Motorbuch Verlag , Stuttgart 1982, S. 318

Der 3.Kavallerie- Brigade gehörten neben Philipp v. Boeslager (Kommandeur) auch Hans Joachim Köhler (Rittmeister), “Micky“ Brinkmann (Major) und Fritz Thiedemann (Oberleutnant) an. Die drei zuletzt Genannten haben sich in der Nachkriegszeit durch ihr außergewöhnliches Engagement für den deutschen Reitsport und die deutsche Reitpferdzucht verdient gemacht. Auch wenn wir rückblickend die Kavallerie und den damaligen militärischen Einsatz der Pferde mit kritischen Augen sehen, so können wir die Tatsache nicht leugnen, dass auch heute noch die klassische reiterliche Ausbildung von Reiter und Pferd auf den Ausbildungsgrundsätzen der ehemaligen Kavallerie basieren. Wir können uns glücklich schätzen, dass die Pferde und insbesondere die Trakehner Pferde heute willkommene treue Begleiter des Menschen ausschließlich im Sport und in dessen Freizeit sind. Auch wenn mit dem Ende des schrecklichen Krieges Trakehnen unwiderruflich verloren gegangen ist, so hat aber das Trakehner Pferd als lebendes Kulturgut zur Freude aller Pferdeliebhaber die Zeit überdauert.  

Dr. Horst Willer (März 2021)