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Cancara - Liebling aller Freunde des Trakehner Pferdes

Der “Sankt Georg“ hatte wieder einmal eine Ostpreußenreise ausgeschrieben. Nahezu fünfzig pferdebegeisterte Personen aus dem In- und Ausland hatten sich für eine Teilnahme gemeldet. Auf dem Programm standen neben dem Besuch der Städte Königsberg und Insterburg, der Besichtigung des Hauptgestüts Trakehnen, des Landgestüts Georgenburg und der Privatgestüte Lenken, Kallwischken, Weedern und Samonienen.

Letzteres hatte durch die großartigen Olympischen Erfolge der beiden Dressurpferde Kronos und Absinth, die dort geboren und aufgewachsen waren, große Berühmtheit erlangt. Oberleutnant Heinz Pollay hatte 1936 in Berlin mit Kronos in der Großen Dressurprüfung die Goldmedaille gewonnen, während Major Friedrich Gerhard mit seinem Dreiviertelbruder Absinth die Silbermedaille erringen konnte. Zu Samonienen im Kreis Goldap am Rande der Romintener Heide und nicht allzu weit von Trakehnen entfernt gehörte noch das Gut Tollmingkehmen. Dort hatten im Laufe der Jahre Dr. Otto Rohde und später sein Sohn Karl Rohde eine moderne Ostpreußische Pferde- und Remontezucht aufgebaut.


Quelle: Rohte, Wolfgang u. Wiemer, Daniela: Samonienen/ Tollmingkehmen- Über die bäuerliche Zucht des Warmbluts Trakehner Abstammung, 1. Auflage 2011, S. 99

 

Tollmingkehmen war staatliche Deckstation des Landgestüts Gudwallen. In Samonienen/ Tollmingkehmen konnten die Reiseteilnehmer die Mütter jener beiden Olympiapferde, Eule und deren Tochter Estrella, im betagten Alter bewundern. Auf den weitläufigen Weiden tummelten sich die heranwachsenden Remonten und Junghengste. In Georgenburg war den Besuchern bereits einen Sprössling aus Samonienen, der Hengst Perlenfischer v. Stürmer- Baß, präsentiert worden. Dieser herrliche Rapphengst war im Jahr 1936 auf der Ausstellung der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft (DLG) in Frankfurt am Main mit dem Siegerpreis ausgezeichnet worden. Der Züchter Karl Rothe fand auch großen Anklang mit seiner zahlreichen Nachzucht seines Lieblingshengstes Cancara, der bereits seit einigen Jahren in Samonienen züchterisch zum Einsatz gekommen war. Der Züchter großartiger Sportpferde, der selbst ein erfolgreicher Turnier- und Rennreiter war, wusste, dass er seine eigenen Stutenstämme durch die Zufuhr von Englischem und Angloarabischem Vollblut, das Cancara zu Genüge mitbrachte, weiter verbessern konnte. Die Nachkommen dieses Hengstes zeichneten sich zudem aus durch einen überaus guten Charakter aus, eine überaus positive Eigenschaft, die oft bei arabisch geprägten Schimmeln anzutreffen ist.  

Berühmtheit auf vier Beinen
Programmgemäß ging die Fahrt weiter zum Hauptgestüt Trakehnen. Hier im sprichwörtlichen Paradies der Erde wurde den Besuchern all` das vor Augen geführt, was sie bereits vom Hörensagen wussten. Cancara, von dem sie schon viel gehört hatten, dort zu erleben, sollte schon bald ein weiterer Höhepunkt ihrer Reise sein. Dieser herrliche Schimmelhengst, geb. 1917, v. Master Magpie xx a. d. Cymbal v. Nana Sahib ox, und Senior unter den dortigen Hauptbeschälern mit 21 Jahren gewann mit seinem besonderen Charme sehr schnell die Herzen seiner Betrachter. Er hatte sogar das Privileg eines Einzelquartiers, eine Sommerresidenz auf der “Wartburg“ für sich.


Der Hengst Cancara v. Master Magpie xx u. Cymbal v. Nana Sahib x, geb. 1917, vor seinem Paddock auf der “Wartburg“
Quelle: Bildarchiv- Ostpreußen

Viele Besucher vorher haben diesen prächtigen Schimmel wegen seiner einmaligen Ausstrahlung, seines ausgeglichenen Temperaments und seiner orientalischen Schönheit, die bei vielen Artgenossen seiner Herkunft im höheren Alter besonders zur Geltung kommt, stets bewundert. Im Reitsport fand seine Nachzucht, die sich durch Leistungsbereitschaft und hohe Rittigkeit auszeichnete, großen Anklang. Da Bilder von ihm auch wesentlich häufiger als die seiner Altersgenossen in hippologischen Schriften veröffentlicht wurden, galt er schon bald neben Tempelhüter und Dampfross als Superstar der Ostpreußischen Edelpferdezucht.

Einige Anmerkungen auch zu seinen Eltern: Master Magpie xx, der von 1913 bis 1924 als Hauptbeschäler in Trakehnen gewirkt hat, konnte die in ihn gesetzten Erwartungen durchaus erfüllen. Eine Vielzahl sehr erfolgreicher Jagd-, Renn- und Springpferde brachte er hervor. Der Vater, Master Magpie xx, ein sehr bunter, ungewöhnlich ins Auge fallender Dunkelfuchs mit einem Stockmaß von 1,65m, war recht eigenwillig und extrem temperamentvoll - eine exzeptionelle Pferdepersönlichkeit. H. J. Köhler beschreibt ihn als einen Hengst mit „Ecken und Kanten“. Um Nana Sahib , den Großvater von Cancara, ranken sich Legenden Diesen französische Angloaraber, der sich schon bald als sicherer Vererber von außergewöhnlichem Springtalent und Härte erwies, entdeckte Landstallmeister v. Oettingen 1906 auf einer Dienstreise in einem französischen Rennstall in der Nähe von Paris, wo er ihn auch käuflich erwerben konnte. Dieser bildschöne und mit großen Linien ausgestattete Hengst, der den Charme und Glanz des Arabers ausstrahlte, war kein unbeschriebenes Blatt. Er hatte als Sechsjähriger bereits 6 Flach- und 7 Hürdenrennen gewonnen. Er war zu jener Zeit in Frankreich einer der besten Steepler.  

Keine gradlinige Karriere
Trotz seiner vielfältigen Qualitäten und der späteren Erfolge seiner direkten Ahnen war die Karriere Cancaras nicht gradlinig. Landstallmeister Graf Sponeck, der ihn auch gezüchtet hatte, gab ihm, unmittelbar nachdem er 1920 gekört worden war, als Hauptbeschäler in Trakehnen eine große Chance. Er stellte ihm folgendes Zeugnis aus: “Sehr schönes Pferd mit viel Aufsatz, sehr starke Vorderbeine, gute Sprunggelenke, etwas kurze hintere Rippe, Gang schwungvoll aber etwas knieweit“. Cancara wird bescheinigt, dass er in bestem Stil über das Trakehner Jagdgelände gegangen ist.


Cancara in jungen Jahren im Landesgestüt Gudwallen. Quelle: Groscurth, H.: Die Preußische Gestütsverwaltung, Schaper Verlag 1927

Dann begann aber sehr schnell die Verstärkungsperiode, die “Knochenseuche“, wie sie von vielen Züchtern ironisch bezeichnet wurde. Unter der neuen Leitung von Landstallmeister Siegfried Graf Lehndorff konnte deshalb Cancara seinen Platz in Trakehnen nicht behaupten, obwohl er eine Röhrbeinstärke von 21,5 cm hatte und durchaus in allen Teilen großrahmig angelegt war. Vermutlich waren die Schimmelfarbe und die hohen arabischen Blutanteile dafür entscheidend, dass er bereits 1922 als Landbeschäler nach Gudwallen abgegeben wurde, ohne die volle Entwicklung seiner Töchter und Söhne abzuwarten. Nach fünfjähriger Dienstzeit dort wechselte er 1927 in das Landgestüt Braunsberg. Hier fand Cancara in Dr. Ehlert, der 1930/31 in Braunsberg als Landstallmeister amtierte, einen stillen Verehrer. Er hielt diesen herrlichen Schimmel, dessen Haarkleid mittlerweile noch heller und strahlender geworden war, züchterisch für überaus wertvoll. Mit der Versetzung Dr. Ehlerts nach Trakehnen bereits im Jahr 1931 durfte Cancara ihm dorthin folgen. Die Chancen, Hauptbeschäler zu werden, standen für Trakehnen schon immer 50 zu 1: Cancara hatte es erneut geschafft. Seine Bilanz kann sich sehen lassen. Er lieferte 15 Beschäler, 22 Mutterstuten und 26 Auktionspferde. Cancara mit seinen prägnanten Reitpferdepoints verkörperte schon damals den Idealtyp eines modernen Sportpferdes. Besonderen Bekanntheitsgrad im großen Turniersport erlangten seine Söhne Kakadu und Kaiserling, wobei ersterer zu den Olympiakandidaten für die Military 1936 gehörte.



























Gestütswärter Ernst  Bormann in Bajorgallen mit Cancara, einem seiner Lieblingshengste
Quelle: Walter Franz: Im Lande der Pferde- Trakehnen , Grenzland Verlag 1937, S.97

Was ist nun von jenem Erbgut für die Trakehner Reitpferdezucht der Neuzeit geblieben? Leider kriegsbedingt nicht sehr viel. Die noch in Trakehnen geborenen Hengste Tropenwald und Lateran haben jene wertvollen Erbanlagen bedauerlicherweise nur zu begrenzt weitergeben können. Günstiger war jedoch die Konstellation für die beiden Cancara-Töchter Kokette und Donna sowie die beiden Cancara- Enkeltöchter Peraea und Pelargonie. Wahrlich ein Genie war der Olympiasieger Abdullah. Über seinen Vater Donauwind, der mehrfach das wertvolle Blut jenes großen Vererbers führt, hat sich Abdulla als würdiger Vertreter jener Kaste erwiesen. In der jüngeren Vergangenheit hat sich der Trakehner Hengst Hirtentanz v. Axis- Kostolany als hervorragendes Springpferd hervorgetan. Auch er führt in der sechsten und siebten Generation mehrfach das Blut des Cancara.


Cancara verlebt noch einige fröhliche Jahre in Samonienen/ Tollkimgkemen.
 Quelle: Rohde, Wolfgang u. Wiemer Daniela: Samonienen/ Tollmingkehmen- Über die bäueriche Zucht des Warmbluts Trakehner Abstammung,
1. Auflage 2011, S. 99

Die Geschichte des Cancara ist noch nicht zu Ende. Als seine Bedeckungen Ende der 30-er Jahre zurückgingen, nutzte Karl Rohde 1939 die Chance, den schon etwas betagten Schimmelhengst käuflich zu erwerben. Ihm wurden schon bald alle Stuten des Privatgestüts zugeführt.


Cancara im gereiften Alter.
Quelle: Rudofsky, Hubert: Trakehner, Schwarz – Bildbücherei, 41 Bildtafeln, Hans Schwarz Verlag (1965), S.34

Daraufhin wurden dann von ihm in Tolmingkehmen noch mehre hoffnungsvolle Nachkommen geboren. Der Liebling aller Freunde des Trakehner Pferdes verbracht in seiner neuen Heimat noch einige schöne Jahre, die dann 1944 je endeten, als über ganz Deutschland die Schrecken des verlorenen grässlichen Krieges hereinbrachen. Auch die Familie Rohde und deren gesamte Belegschaft mussten im Herbst 1944 mit ihrem wenigen Hab und Gut, darunter auch einem Teil ihrer wertvollen Pferde, Haus und Hof verlassen. Cancara sollten die Strapazen der Flucht erspart bleiben, kurz vor dem Aufbruch des Trecks musste er den Gnadenschuss hinnehmen. 

Dr. Horst Willer (November 2020)